Biene Feld & Marc Mulders
Beide sind Gärtner: Eine Künstlerin und ein Künstler mit unterschiedlichem Hintergrund, und beide schätzen das Gärtnern als eine Arbeit, die dem Kunstschaffen nicht unähnlich ist.
Biene Feld gärtnert auf einem kleinen Stück Land hinter ihrem Sommerhäuschen unweit der deutschen Ostseeküste, auf einem Areal, das zwar bescheiden, aber reich an Blumen und Pflanzen unterschiedlichster Art ist. Beim Anblick der Kombination aus Farben und Formen denkt man an Präzisionsarbeit. Es habe Jahre ge-braucht, so die Künstlerin, bis sie verstand, was einen Garten gedeihen lässt, was die Natur will - und was sie nicht will. Wer mit der Natur arbeitet, hat als Gärtnerin nur das halbe Mitspracherecht.
Marc Mulders hat einen großen Garten in der niederländischen Provinz Noord-Brabant, rund um das Bauernhaus, in dem er lebt und arbeitet. Dort werden Blumenbeete angelegt und künftige Farb-spektren erahnt. Im Laufe der Jahre sah der Künstler den Garten immer wieder blühen und gedeihen, was ihm die Wunder der Schöpfung und den Einfluss der Hand Gottes vor Augen führte. Doch in Zeiten des Klimawandels erlebte er auch, wie der Boden buchstäblich überflutet wurde von Regengüssen, die die Pflanzen über Nacht eingehen ließen und die ganze Komposition jäh vernichteten.
Ein Garten ist gleichbedeutend mit draußen: etwas Sichtbares und Greifbares, durch das man Wege beschreiten kann. Ein Kunstwerk aber ist ebenfalls ein Weg - in eine innere Welt, hervorgebracht durch Überlegungen, Ängste, Hoffnungen und Ahnungen.
Beim Betrachten von Biene Felds Arbeiten erscheinen die Netzwerke mentaler und emotionaler Aktivität wie eine Landkarte, mit Wegen, die die Binnenstruktur eines Organismus abbilden. Das zentrale kompositorische Element in ihrem Werk ist die Linie. Das Farbspektrum ist oft direkt der Natur entlehnt, manchmal jedoch zurückgenommen oder sogar auf schwarz und weiß reduziert. Kennzeichnend für ihr Werk ist die Verschmelzung abstrakter Muster mit empirischen organischen Formen. Dabei orientiert sie sich durchaus an der Natur, ohne diese jedoch unbedingt abbilden zu wollen.
Ihre Werke wirken wie ein Hoch auf die sichtbare Welt, zugleich zeugen sie jedoch von innerer Zerrissenheit und Trauer angesichts der Zerbrechlichkeit der Dinge und der Vergänglichkeit des Lebens.
Marc Mulders macht sich in seinen Ölgemälden die Stofflichkeit der Farbe zu eigen, die Fülle und Harmonie, die sie entfalten kann, wenn sie in Schichten aufgetragen wird. Jedes seiner Bilder fängt als fein abgestimmte Komposition aus Kräften und Empfindungen gleichsam das Leben ein. Seine Werke entwickelt er nicht auf der Grundlage von Linien, sondern von Farbflecken und Farb-klecksen, die sich langsam über die Leinwand ausbreiten, um so schließlich ein großes Beziehungsgeflecht zu erzeugen. Das Farb-spektrum orientiert sich weitgehend an der Natur, wird aber durch dissonante Farben kontrastiert. Zuweilen nimmt sein Werk eine symbolische Wendung, etwa in dem „Ouroboros"-Aquarell, das die zyklische Natur aller Dinge in Form einer Schlange darstellt, die sich in den eigenen Schwanz beißt.
Als Künstler-Gärtner spürt Mulders seit einigen Jahren einen gewissen Druck: Ihm scheint, dass der Gärtner - der Förderer des Lebens - durch die Handlungen von Menschen vertrieben wird, die dem ihnen anvertrauten Land schaden. So entstanden einige Gemälde von düsterer Reflexion über den Status quo und über unangenehme Wahrheiten, die sich nicht ignorieren lassen. Und dennoch geht es ihm beim Malen auch darum, immer wieder einen neuen Anfang zu finden, einen Hoffnungsschimmer zu erkennen, und diesen zum Anlass für ein neues Bild zu nehmen.
Jurriaan Benschop, 2025
Übersetzung aus dem Englischen: Ingrun Wenge
Vergessene Träume
Im Traum entstehen Geschichten ohne Anfang und Ende, plötzlich sind sie einfach da. Wo sie herkommen, wie sie weitergehen, was zuvor geschah oder danach passiert ist unklar, jede Zeitlichkeit ist aufgehoben. In Biene Felds Bildern verhält es sich ganz ähnlich. Was Anfang, was Ende ist, was oben oder unten bleibt unklar. Es gibt kein Zentrum und kein Motiv, kein wichtig oder neben-sächlich, alles ist gleich präsent. Ein Netz aus Linien durchzieht die Bilder wie Wege, die von irgendwo ins Bild gefunden haben und dahinter weiter laufen.
Wie Höhenlinien auf einer Landkarte oder Modulationen in der Natur, die nur entstehen, weil unser Auge Licht und Schatten unterscheidet; hell und dunkel durch imaginäre Linien voneinander abtrennt.
Biene Feld bewegt sich am liebsten zu Fuß durch die Welt, ob in der Stadt, in der sie lebt oder auf dem Land, wo sie viel Zeit verbringt, ob im Urlaub in den Bergen bei langen Wanderungen oder bei Reisen um die Welt, wo sie die Natur aufsucht. Kurze und lange Wege, die sie abgeschritten hat, wechseln sich ab, brennen sich wie Erinnerungen an gegangene Linien ins Gedächtnis und finden ihren Weg zurück in ihre Bilder. Das Gehen erlaubt ihr einen Perspek-tivwechsel, ein entschleunigtes Wahrnehmen der Welt. Besonders bei ihren Kohlezeichnungen, die immer als erster Schritt entstehen, „um ins Arbeiten zu finden", scheinen sich die Erinnerungen an die Natur, die Berge, die Weite, direkt ins Bild geschlichen zu haben. Schwarze mehr oder weniger verwischte Linien auf einem hellen Papier - mehr braucht es nicht, um vor dem Auge den Eindruck einer Gebirgslandschaft entstehen zu lassen, mit Gipfeln, Hügel-ketten, steinernen Linien und Trampelpfaden, in die Landschaft geschlagene Furchen, von Menschen, Tieren oder dem natürlichen Verlauf von Jahreszeiten und Wetterphänomenen geschuldet. Parallel zu den Tuschezeichnungen wendet sich Biene Feld ihren Malereien zu, lässt den Blick über die unfertigen Blätter schweifen, was ein ganz wesentlicher Schritt in ihrer Arbeit ist: Das immer wieder anschauen, zurückdenken, im Gedächtnis sehen. Biene Feld arbeitet mit einer speziellen Acrylfarbe auf Leinwand, häufig stark verdünnt, Schicht für Schicht, bis die Bilder von innen anfangen zu leuchten.
Auf den Titel „Vergessene Träume" stieß Biene Feld über den Dokumentarfilm von Werner Herzog über die prähistorischen Malereien in der Höhle von Chau-vet. „Die Höhle der vergessenen Träume" zeigte zum ersten Mal die über 30.000 Jahre alten Tier- und Symbolzeichnungen an den Wänden der südfranzösischen Höhle, die zu den ältesten bekannten von Menschen gemachten Kunstwerken gehören. Schon damals hielten Menschen mittels Linien und Farben die Umwelt fest, durch die sie sich zu Fuß bewegten: Die Wahrnehmung der Welt durch die Zeichnung, eine gleichzeitig archaisch wie zeitlose Form der Kunst; ein Bedürfnis, das tief in der Seele des Menschen verwurzelt ist. Für die Künstler innen der Moderne war die Entdeckung von Höhlenmalereien ein Schlüsselerlebnis.
Pablo Picasso, Paul Klee oder Joan Miró ließen sich von diesen Uranfängen der Kunst inspirieren. Sie übernahmen abstrahierende und symbolträchtige Darstellungsformen und stilistische Mittel der Felsbilder und fühlten sich dadurch als Teil einer Jahrtausende langen künstlerischen Tradition verbunden und verortet.
Im Film sagt Herzog: „Diese Bilder sind Erinnerungen an lange vergessene Träume. Ist es ihr Herzschlag oder unserer. Werden wir jemals in der Lage sein, die Vision dieser Künstler über eine derart große Zeitspanne hinweg zu erfas-sen?" Für Biene Feld sind ihre Bilder Erinnerungen an vergessene Träume. Sie tauchen manchmal wieder auf und schlagen sich in Linien, Farben und Dynamik ihrer Bilder nieder, wie auch Erlebnisse, Empfindungen, Gesehenes, ohne dass sie bewusst nach ihnen sucht oder sich vornimmt, sie zu malen. Sie müssen einfach gemalt werden.
Leonie Pfennig, 2024
Werden
Im Wort „werden" steckt viel mehr, als die zwei Silben zunächst vermuten lassen. „Drückt Zukünftiges aus" , schreibt der Duden. Und: „Kennzeichnet ein vermutetes Geschehen". Hegel be-
zeichnet das Werden in seiner dialektischen Logik als die Einheit von Sein und Nichts. Sein und Nichts? In der neuen Werkreihe von Biene Feld, in der sie unter den Titel „Werden" Malerei und Zeichnung zusammenfasst, steckt erst einmal sehr viel „Sein". Die Bilder sind, sind Erinnerungen an Landschaften, ohne jedoch konkret Landschaft abzubilden. Sie sind, besonders in den Papierarbeiten, die spontaner und experimenteller entstehen als die Gemälde, Kreuzungen von feinen Linien, die, mal horizontal, mal vertikal ein kurviges Gitter über den Papier- grund spannen, das von farbgespritzten Punkten und vom Wasser verlaufenden Flecken flankiert wird. Sie sind abstrakt, es fehlt jede Spur von Menschen, Gegenständen oder Formen, und Odoch sind sie wie Entsprechungen aus der Natur, sind die Linien, die das Meer durch Wellen zeichnet, sind Hü-gelkuppen und gestaffelte Berge, sind Trampelpfade zwischen Feldern, Spuren im Schnee, ein Flusslauf oder der Blick auf eine Landkarte, in der Höhenlinien, Straßen und Wanderwege sich durchkreuzen. In den Zeichnungen steckt ein Gefühl von Kontemplation und Reduktion, wie man es von asiatischen Tuschearbeiten kennt. Jeder Strich ist genau richtig, keiner zu viel, keiner zu wenig, jeder bunte Fleck setzt eine Betonung an der richtigen Stelle im Sinne einer ausgewogenen Harmonie. Jede Zeichnung ist Ausdruck einer anderen Perspektive. Mal ist es eine Luftaufnahme, mal Weitwinkel, mal Makro.
Wenn sie von einer Reise kommt, beginnt sie immer erst mit den Kohlezeichnungen, sagt Biene Feld, „damit es rauskommt". Als würde sie die Wege noch einmal gehen, die sie gelaufen ist, die sich wie auf einer Karte im Gedächtnis eingebrannt haben. Als würde sie noch einmal den Blick in die Weite streifen lassen, wo Berg sich hinter Berg staffelt, Linie hinter Fläche hinter Linie. Die Reisen sind elementar, nicht nur für ihre Arbeit, sondern einfach um zu sein, um eine neue Sicht auf die Dinge zu erlangen. Wenn es dann da ist, wenn die Erinnerung im Unterbewusstsein zu einer Form geworden ist, widmet sie sich der Malerei, mitunter auch parallel. Anders als bei den Zeichnungen, die nicht immer etwas werden müssen, die ohne Ergebnis auch mal zur Seite gelegt werden können, liegt in den Malereien in Öl auf Leinwand immer der An-spruch, dass ein Bild draus wird. Doch wie das Bild wird, weiß Biene Feld im Vorhinein nie.
Wohin es sich entwickelt, welche Farben es bekommt - man könnte bei den jüngsten Bildern mit Titeln wie „Garten", „März", „Gartenwege" vielleicht auch sagen, wohin es wächst - ist ein Stück weit dem Bild selbst überlassen und dem Weg, den es einschlägt.
Seit drei Jahren ist Biene Feld nicht nur auf Reisen und Wanderungen in der Natur unterwegs, sondern bewirtschaftet einen eigenen Garten, „das macht sich bemerkbar" , sagt sie. Und tat-
sächlich sind ihre Bilder heute eher wie aus dem Grünen heraus gemalt, in den Pflanzen, der Erde, jedenfalls mit einem viel näheren und direkteren Blick als in ihren früheren Bildern, die eher aus der Ferne beobachten. Mitunter taucht auch ein Aspekt einer Zeichnung in der Malerei wieder auf, ob es das Verhältnis oder der Kontrast zweier Farbtöne ist, eine Richtung oder eine Stimmung.
Fleckig und pastos steht die Ölfarbe auf der Leinwand, wie Schichten von Putz auf einer Mauer, wie ein wuchernder Garten, in dem Gras und Blumen durcheinander wachsen. Durch das helle Grün und die gelben und hellrosa an Blüten erinnernden Flecken im Vordergrund schimmert es rot, als würde die Sommersonne zwischen den Gräsern hindurch leuchten. Im kleinformatigen „Sommer 1" hat das rosa-rötliche Licht, wie es nur im Sommer in den Abendstunden zu beobachten ist, nun gänzlich den Bildhintergrund eingenommen. Die warmen Farben könnten Überbleibsel von ihrer letzten Reise nach Neuseeland sein, sagt Biene Feld, wo sie im Sommer, unserem Winter war. Jede Landschaft hat ihre Farbe, jedes Land sein eigenes Licht. An der Ost-see, wo sie neben Berlin teilweise lebt und jeden Tag auf den Garten, das Meer, das satte Grün des Darß und das Weiß der Strände schauen kann, werden ihre Bilder viel abstrakter, fügt sie hinzu.
Was ist nun mit dem Nichts, dem anderen Element in der hegelschen Gleichung? Nichts ist die sehr zurückgenommene Erklärung von dem, was die Bilder Sein wollen. Sie sind nicht eine bestimmte Landschaft, eine Erinnerung an ein Land. Sie sind nicht die Umsetzung einer Skizze in der Malerei, sie sind nicht bloße Vorzeichnung, sie sind nicht gegenständlich, sie sind nicht (nur) abstrakt. Sie wollen nicht zu viel sagen, sie wollen nicht ein Gefühl ausdrücken, eine Stimmung übermitteln, sie sind von all dem ein Stück, aber sie sind immer das, was der Betrachter daraus macht. Sie sind etwas geworden.
Fleckig und pastos steht die Ölfarbe auf der Leinwand, wie Schichten von Putz auf einer Mauer, wie ein wuchernder Garten, in dem Gras und Blumen durcheinander wachsen. Durch das helle Grün und die gelben und hellrosa an Blüten erinnernden Flecken im Vordergrund schimmert es rot, als würde die Sommersonne zwischen den Gräsern hindurch leuchten. Im kleinformatigen „Sommer 1" hat das rosa-rötliche Licht, wie es nur im Sommer in den Abendstunden zu beobachten ist, nun gänzlich den Bildhintergrund eingenommen. Die warmen Farben könnten Überbleibsel von ihrer letzten Reise nach Neuseeland sein, sagt Biene Feld, wo sie im Sommer, unserem Winter war. Jede Landschaft hat ihre Farbe, jedes Land sein eigenes Licht. An der Ost-see, wo sie neben Berlin teilweise lebt und jeden Tag auf den Garten, das Meer, das satte Grün des Darß und das Weiß der Strände schauen kann, werden ihre Bilder viel abstrakter, fügt sie hinzu.
Was ist nun mit dem Nichts, dem anderen Element in der hegelschen Gleichung? Nichts ist die sehr zurückgenommene Erklärung von dem, was die Bilder Sein wollen. Sie sind nicht eine bestimmte Landschaft, eine Erinnerung an ein Land. Sie sind nicht die Umsetzung einer Skizze in der Malerei, sie sind nicht bloße Vorzeichnung, sie sind nicht gegenständlich, sie sind nicht (nur) abstrakt. Sie wollen nicht zu viel sagen, sie wollen nicht ein Gefühl ausdrücken, eine Stimmung übermitteln, sie sind von all dem ein Stück, aber sie sind immer das, was der Betrachter daraus macht. Sie sind etwas geworden.
Leonie Pfennig, 2018
Five Seasons
„Five Seasons", die aktuelle Werkserie der Malerin BieneFeld, knüpft nahtlos an die zwei vorherigen Werkreihen „Gehen" und „Werden" an, ob sie abgeschlossen sind, ist nicht bekannt, denn alle Übergänge sind fließend. Es gibt keine harten Brüche, aber ein ständiges Weitergehen und -treiben ist unübersehbar. Dies betrifft nicht nur den künstlerischen Ausdruck, auch die Mittel verändern sich.
Stand vor Jahren noch die Ölmalerei auf Leinwand im Mittelpunkt, haben in den letzten Jahren die Arbeiten auf Papier eine immer größere Bedeutung im Werk erlangt. Gleichberechtigt stehen beide Medien in den Werkreihen nebeneinander, sie schließen einander nicht aus, sondern sie ergänzen und vervollständigen sich. Mittel der Malerei finden sich in den Papieren wieder und selbstverstandlich auch umgekehrt.
Schon immer spürte man den starken Einfluss der Umgebung, der Natur, der Landschaft im Werk der Künstlerin. Und der aktuelle Titel „Five Seasons" ist ein unübersehbarer Fingerzeig in diese Richtung, aber gleichzeitig auch auf das, was sie künstlerisch antreibt und interessiert.
Der holländische Gartengestalter Piet Oudolf, dessen Werk von Thomas Piper in seinem Film „Five Seasons" gewürdigt wurde, beschreibt dies vielleicht am besten. In der Grundaussage des Films geht es darum, dass der Jahreskreis, die Natur, nicht in vier Jahreszeiten zu fassen ist.
Für Piet Oudolf sind es mindestens fünf - Fall, Winter, Spring, Summer, Fall. Aber letztendlich ist dies auch egal. Alles bedingt und ergänzt einander. BieneFeld, die seit fünf Jahren einen Garten hinter der Galerie in Born betreibt, erzählte kürzlich: „Durch den Garten habe ich gelernt, den Pflanzen zuzuhören. Sie sagen mir, was sie wollen, ob sie sich wohlfühlen, ob ihnen der Standort gefällt oder auch nicht. Im weitesten Sinne sprechen sie zu mir, wie meine Bilder. Es scheint mir immer, als ob es um ein Strahlen gehe, eine große innere Vollkommenheit." Im Frühjahr besuchte ich die beiden holländischen Maler Han Klinkhamer und Marc Mulders in ihren Ateliers. Bei Hans Arbeiten, unübersehbar sein landschaftliches Umfeld, direkt in einem alten Schulhaus an der Maas. Marc Mulders, der in einer großen Reetdachscheune arbeitet, lässt jedes Jahr, rund um den Arbeitsraum, das Land vom benachbarten Bauern umpflügen und verschiedenste Blumenmischungen aussähen.
Sehe ich neue Arbeiten von ihnen, bin ich an den Besuch erinnert.
Nicht anders ergeht es mir mit der aktuellen Serie von BieneFeld. Man meint den Gang durch den Garten zu spüren, die Zwiesprache mit den Pflanzen, das Aufschließen des Ateliers und die Fortsetzung der Unterhaltung dort - „Five Seasons".
Matthias Fuhrmann, August 2020
Durchlichtet
„Nicht, dass das lebendige Licht, das ich betrachtete, anders als ganz einheitlich erschienen wäre - es ist immer so, wie es vorher war - aber weil mein Sehen beim Schauen in mir erstarkte, wandelte sich mit meiner Veränderung in mir die eine einheitliche Erscheinung.
In der tiefen und klaren Wesenheit des hohen Lichtes erschienen mir drei Kreise von drei Farben und von gleicher Breite und der eine schien Widerschein des anderen zu sein, wie ein Regenbogen des andern, und der dritte schien Feuer, das gleicherweise von hüben und von drüben hergeisterte."
Dante Alighieri, Divina Commedia, 33. Gesang
Wer mit der Malerin Biene Feld vor ihren farbigen Bildern steht und ihr eine Zeitlang zuhört, wie sie in immer neuen Anläufen tastend, lachend, fragend den Prozess des Werdens und Entstehens ihrer Bilder beschreibt und verschweigt, verfällt ins Staunen. Keine Beschreibungen konkreter Orte, eher Erinnerungen an Gesehenes, Gedichtetes und Bedachtes scheinen da auf. Und die Gedichte der Ingeborg Bachmann, die sich hin und wieder unter der Farbe verstecken, auf der Rückseite der Leinwände als sichere Notate fungieren und manchmal auch wie Wort-fetzen sich finden auf der Vorderseite der großformatigen Malerei. Es will scheinen als hätten sich Biene Felds Bilder unter wechselndem pastosem Farbauftrag, Wegkratzen, Zeichensetzung und Verschleifen der Flächen ihr Entstehen erkämpfen müssen. Die den Bildern innewohnende Melancholie scheint nur hier und da einmal auf, wenn das Auge das Zusammenspiel der geschickt komponierten kalten und durchlichteten ockerfarben warmen Töne wahrnimmt. Man fühlt sich immer wieder in weite Landschaften versetzt, in denen durch Licht und Wind und Wechselspiel der Farben alles in Bewegung ist. Man denkt an Rousseaus ,Träumereien eines einsamen Spazier-gängers', wo es in der fünften Träumerei heißt: „.. gerne ließ ich mich am Gestade des Sees an einem verborgenen Winkel nieder; das Rauschen der Wogen und die Bewegung des Wassers fesselten meine Sinne, verbannten jegliche andere innere Regung aus meiner Seele und versenkten sie in eine köstliche Träumerei." Traum- oder Suchbild. Wiedererkennendes Erinnern oder sinnender Blick nach vorn? Sehnsuchtsmetaphern?
Vor den Bildern der Berliner Malerin wird das Auge nicht geführt. Das Sehen bleibt frei. Herausgefordert ist die Imaginationskraft des betrachtenden Auges. Bei aller malerischen Vieldeutigkeit und Differenziertheit scheint den großformatigen Arbeiten eines aber eingeschrieben wie eine Signatur: der Horizont. Das wird unübersehbar an dem Bild, das Biene Feld für den Altar der St. Matthäus-Kirche gemalt hat. Das Auge erkennt am oberen Bildrand eine gerade noch angedeutete horizontale Linie; aus ihr fällt kaskadenartig das Licht nach unten - auf die Mensa des Altars. Zurückhaltend, aber erkennbar knüpft die Malerin mit dieser Setzung an ein zentrales Motiv in der Architektur christlicher Kirchen an, die zu allen Zeiten und durch alle Baustile hindurch das Licht als ,Baustoff' begriffen und entsprechend inszeniert hat. Der zentrale Gedanke, Christus als das Licht der Welt (Johannes-Evangelium 8, 12) zu verstehen, sucht nach Anschauung in Liturgie und Raum. So verwundert es nicht, wenn in der Perspektive Dante Alighieris das Auge des Menschen, wenn es denn vom Glauben zum Schauen findet, nur noch Licht-Zeichen sieht. Das helle Licht des Ostermorgens verbürgt das Kommende; die Nacht ist schon im Schwinden.
So lässt sich das Altarbild lesen als Licht-Zeichen und erweist darin sein Recht, über dem Tisch des Herrn den Horizont des Kirchenraums von St. Matthäus zu bestimmen.
Das Erscheinen dieses Ausstellungs-Katalogs wurde ermöglicht durch die großzügige Förderung der Druckerei Conrad und Matthias Fuhrmann. Hierfür sei von Herzen Dank gesagt.
Christhard-Georg Neubert, 2012
Schwemmland
Philipp Otto Runge hatte die Sehnsucht, seine großen Bilder in einem Haus versammelt zu sehen, begleitet von Gedicht und Musik.
- Romantik. -
Geboren bin ich in Greifswald, der Stadt von Kaspar David Friedrich und aufgewachsen in Wolgast bei Philipp Otto Runge. Beide großen Maler habe ich in meinem Gepäck.
Die nordische Landschaft, Erde, Wasser, Natur, das ist meine Bühne.
Die Serie „Schwemmland", an der ich augenblicklich arbeite, sind „abstrakte" Land-schaften. Angeschwemmtes fruchtbares Land, neu geborenes Land, unbetreten.
Berge, Wasser, Land, Halme und Licht, diese Elemente tauchen in meinen Bildern von Anfang an auf.
Es ist meine Verbindung zur Romantik.
Biene Feld
Berlin, 28. Februar 2012